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Häkelgeist

Ich entdecke gerade jetzt neue Seiten an mir. Oder alte. Nach 25 Jahren habe ich wieder eine Häkelnadel in die Hand genommen.

Ich, die untalentierte Handarbeiterin, die in Schulzeiten für so manchen verzweifelten Seufzer der Werklehrerin verantwortlich war.

Ich, die mehr unauflösbare Knoten als feste Maschen mit Wolle und Nadel fabrizierte.

Ich, die mithilfe meiner Mama einen Mini-Pullover für meine kleine Schwester strickte, während alle andern in der Klasse einen ordentlichen, zopfbesetzten, ansehnlichen in ihrer eigenen Größe – in der gleichen Zeit und ohne mütterliche Hilfe – zustande brachten.

Ich, ja diese ich, ich habe in dieser Corona-Zeit wieder zu häkeln begonnen.

Und, was soll ich sagen?

Es freut mich, es entspannt mich, es spornt mich an.

Ich kann häkeln!

Mittlerweile kenne ich neben festen Maschen und Stäbchen (Kinderübung!) sogar doppelte, halbe und Sechsfach-Stäbchen, kann Blumen, Herzen, Kreise und Granny-Squares häkeln und fiebere allabendlich meiner Handarbeitsstunde entgegen. Da sitze ich dann, dankbar für den gut gefüllten Wollkorb, verbinde Masche um Masche und nichts und niemand kann mich aus der Ruhe bringen.

Weltflucht? Ja, wahrscheinlich.

Ich nenne es Urlaub.

Voller Vorfreude lande ich auf meiner weichen Woll-Insel und lege all meine Sorgen, Ängste und unverdauten Nachrichten in die Häkelfleckerl.

Was aus ihnen werden soll?

Sie werden zu einem Bild.

Zu einem Wand-Häkelbild.

Mit hellen, dunklen und bunten Seiten.

Mit Rundungen, Ecken und Kanten.

Mit Fehlern, Löchern und Verstrickungen, oder eher… Verhäkelungen.

Als Erinnerung an den „Corona-Urlaub“ 2020.

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