Baustelle

Wir haben ein altes Haus und eine Mini-Landwirtschaft.

Seit 20 Jahren haben wir mindestens einmal im Jahr eine Baustelle. Nach den großen Umbauten der Anfangsjahre sind es mittlerweile kleinere Projekte oder Maßnahmen, mit denen wir versuchen, unseren Alltag einfacher, praktischer oder auch schöner zu gestalten.

Soweit, so gut.

 

Wir haben eine klassische Rollenverteilung.

Mein Mann werkt außen, ich innen. Er kann gut hämmern, ich kann gut kochen.

Wenn es sein muss, helfen wir uns gegenseitig. Manchmal etwas widerwillig.

Ich bin nicht gerne Nagel-Bohrmaschinen-Hammer-Halterin.

Mein Mann ist nicht gerne Besen-Geschirrtuch-Topf-in-die-Hand-Nehmer.

So ist das bei uns.

Soweit, so gut.

 

Wenn es also „Baustelle“ heißt, werde ich leicht unrund und gerate in Alarmbereitschaft.

 

Wie viele kommen?

Wann kommen sie?

Wie lange wird es dauern?

 

Konkrete Antworten darauf gibt es kaum.

 

Warum ich das alles überhaupt wissen will?

 

Nun ja, ich fühle mich, wenn wir eine Baustelle haben (und auch sonst), für das leibliche Wohl aller zuständig. In einem früheren Leben muss ich wohl eine Hungersnot durchlitten haben, denn der Gedanke, jemand müsste ob meiner Nachlässigkeit an Hunger oder Durst leiden, ist beinahe unaushaltbar.

Auch der Gedanke, jemand würde behaupten, wir wären eine „trockene Baustelle“, ist nicht gerade angenehm. Eine trockene Baustelle, mangelnde Verpflegung - das geht gar nicht! Der Ruf könnte ruiniert sein.

So ist das bei uns. Auf dem Land.

Soweit, so schlecht.

 

Da es keine genauen Zahlen gibt, wie viele ich zu bekochen haben werde, gehe ich vom Maximum aus.

 

Wenn es heißt, zirka 5 bis 8 Personen, so heißt das für mich:

Mindestens zwei Kisten Bier und Kracherl einkühlen, zwanzig Semmeln, zwei Kilo Aufschnitt und drei Gläser Gurkerl für die Vormittagsjause kaufen, ein Zwei-Kilo-Stück Schopfbraten ins Rohr schieben, zwanzig Knödel drehen, Braunschweigerkraut hacheln und einen Kuchen zum „In-die-Hand-nehmen“ backen.

 

Die „Ich-bring-die-Wurstsemmeln-an-den-Mann-Rallye“ ist mühsam.

Nie passt der Zeitpunkt. Immer sind sie beschäftigt, die Männer.

Manche würdigen mich als Wurstsemmel-Lieferantin keines Blickes, obwohl ich mit der Tupperdose herumfuchtle und ihnen pantomimisch andeute, dass es etwas Essbares gibt.

(Auf Baustellen ist es ja meistens laut, darum Pantomime).

Manche geben mir das Gefühl, dass es auf einer Baustelle nichts Nervigeres und Unnötigeres gibt als eine Frau, die einem ständig mit der Jause hinterherläuft. Das muss ich dann aushalten. Ich will schließlich nicht auf meinen zwanzig Wurstsemmeln sitzen bleiben. Und es darf keiner verhungern.

 

Verhungern wird auch beim Mittagessen niemand.

Zwei der fünf Arbeiter sind schon um 11 Uhr mit ihrer Tätigkeit fertig geworden und zur nächsten Baustelle weitergezogen.

Was das für unseren familiären Mittagstisch heißt?

Vier Tage Schweinsbraten.
Bei zwei Vegetarierinnen.

Aber das ist eine andere Geschichte.