Normalität

Einkaufen, Betten frisch beziehen, Geschirr wegräumen, Staub saugen, Bad putzen, Wäsche bügeln, Müll entsorgen, Kühlschrank reinigen, Essensreste verwerten oder an die Hühner verfüttern, Mittagessen kochen, Taxi für die Kinder spielen, Termine koordinieren, Schianzüge waschen und im Kasten verfrachten, … all das und noch Vieles mehr sind Aufgaben, die man als „Familienmanager/in“ (=Hausfrau, Hausmann) zu tun hat.

 

Auch für mich gehörten diese Arbeiten jahrelang zu meinem Alltag, mit wechselnder Begeisterung und Freude.

 

Derzeit geht von den genannten Tätigkeiten für mich: fast nichts.

Vor zwei Wochen hätte ich noch geschrieben: nichts.

 

Aber ich habe es schon gewagt, ein paar Kleinigkeiten zu kochen (mithilfe des Sauerstoffgeräts), weil ich immer gerne geköchelt habe und es mir schon sehr fehlt. So habe ich Thunfischspagetti und Gemüse mit Reis für meine Familie und mich zubereitet. Beides hat sehr gut geschmeckt. Und es war ein erbauliches Gefühl, endlich wieder etwas geschafft zu haben.

 

Alles andere müssen nach wie vor die lieben Menschen um mich herum verrichten. Ihnen allen kann ich nicht genug danken. 

 

Da gibt es die, die unsere Vorrats- und Kühlschränke immer wieder befüllen, die, die uns täglich ein warmes Mittagessen auf den Tisch stellen, die, die Putzfetzen und Staubsauger in unserem Haus schwingen, die, die im Gartl umgraben und anbauen, die, die Kuchen bringen, die, die mich zu Arztterminen fahren, die, die Wäsche waschen und sortieren uvm.

 

Ich habe einiges gelernt in letzter Zeit, in diesem Zusammenhang vor allem:

 

Um etwas zu bitten.

Es anzunehmen.

Es auszuhalten, dass andere für mich werken, während ich selbst herumsitze oder liege.

 

Auch wenn ich all das gelernt habe, weil ich es musste, fällt es mir nicht gerade leicht (vor allem jetzt, da es mir schon besser geht).

Zum Satz „Könnt ihr bitte bzw. Kannst du bitte“… muss ich mich immer wieder neu überwinden.

 

In der Zeit auf der Intensivstation blieb mir aufgrund meiner Schwäche nichts anders übrig, als alles für mich tun zu lassen. Manchmal war die Verzweiflung ob der eigenen Hilflosigkeit groß.

Aber auch die Dankbarkeit. Die erste Haarwäsche im Liegen nach vielen Tagen werde ich nicht vergessen.

Ich hatte stets so nette Schwestern und Pfleger, die mir neben der medizinischen Versorgung und der täglichen Körperpflege auch so manchen Sonderwunsch (Jogurella! Schokolade!) erfüllten.

 

Einmal bekam ich zum Dienstschluss einer Schwester sogar ein Schlückchen Bier (ohne darum gebeten zu haben!). Diese eher ungewöhnliche Gepflogenheit fand ich amüsant, und die Schwester meinte, sie wolle dadurch ein bisschen Normalität in die sterile Atmosphäre, inmitten von unzähligen Kabeln und technischen Gerätschaften, bringen.

 

Ja, Normalität ist auch jetzt das, was ich mir am meisten wünsche, wonach ich mich am meisten sehne.

 

Wie gerne würde ich in unserem Haus (und im Garten!) herumschwirren und all das tun, was ich in den vergangenen zwanzig Jahren immer getan habe.

Wie gerne würde ich endlich wieder all meine Aufgaben als „Mama“ wahrnehmen.

Wie gerne würde ich das Selbstverständliche ganz selbstverständlich erledigen.

 

Aber selbstverständlich ist derzeit noch nichts.

Die Schritte, dich ich mache, sind klein.

Doch sie gehen in die gewünschte Richtung.

 

Richtung Normalität.

Autofahren würd ich übrigens auch ganz gern.
Und die neue WG der älteren Tochter sehen.
Und die Fahrkünste der jüngeren Tochter genießen (ginge eigentlich schon).
Und dem älteren Sohn ein Gurkerl beim Fußball scheiben.
Und den jüngeren Sohn mit dem Fahrrad begleiten. 
Und mit meinem Mann einen Sonntagsspaziergang machen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Pfeil Anni (Dienstag, 06 April 2021 13:19)

    Liebe Carmen,es freut mich das es dir wieder besser geht,es ist unvorstellbar was du mitgemacht hast,jeden Tag einen Schritt vorwärts.Hab viel an dich(euch) gedacht, auch gebetet für dich.Carmen pfüat die Gott,freu mich auf ein Wiedersehen.Musste immer wieder weinen beim lesen.

  • #2

    Carmen (Dienstag, 06 April 2021 15:57)

    Liebe Anni, danke! Deine Worte bedeuten mir viel, angesichts der schweren Situation, die ihr als Familie zu bewältigen habt. Alles Gute!