Ausfallen

Am Schultaschenboden des Jüngsten haben sich zerknüllte Zettel und Unrat gesammelt.
Einen Augenarzttermin für den brillentragenden Sohn haben wir zwei Mal vergessen.
Der Pullover, mit dem der Sohnemann letzte Woche von der Schule heimkam, war ihm um zwei Nummern zu klein.
Das Schneiden der Zehennägel hätten wir auch beinahe übersehen.
Vom Deutschtest des Zweitklässlers wusste ich im Vorhinein nichts.
Eine Kontrolle beim Zahnarzt müsste dringend vereinbart werden.
Die Osterdeko haben die Töchter gemacht.
Fürs Einkaufen und für Taxidienste sind sie auch zuständig.
Geburtstagstorten habe ich schon lange nicht mehr gebacken.
Unternommen haben wir als gesamte Familie seit Monaten nichts mehr.

Warum?

Weil ich momentan ausfalle.
Teilweise.
Als Mutter.

Vieles wird mir ja von meinem Mann, der Familie und Freunden abgenommen, wie ich im letzten Beitrag beschrieben habe.

Gewisse Dinge, Unternehmungen oder Arbeiten – oftmals Kleinigkeiten - bleiben aber liegen oder geraten ins Hintertreffen.

 

Manches sehe ich nicht, manches schiebe ich vor mir her, manches kann ich einfach nicht machen, für manches fehlt mir die Kraft.

Ich kann Vokabeln abfragen, die Hausübung kontrollieren, Einkaufslisten schreiben und Termine ausmachen, für die „letzte Konsequenz“ reicht es aber dann oft nicht mehr.

Weil ich so mit mir selbst beschäftigt bin, mit meinen Therapien und Arztterminen, mit meinem Gesundwerden wollen, mit meiner eigenen Zerbrechlichkeit, mit meinen Schwachstellen.

Andererseits kann ich ja beinahe froh sein, dass wegen der Ausnahmesituation, in der wir uns wegen des Virus als gesamte Gesellschaft seit mehr als einem Jahr befinden, Vieles nicht stattfinden kann.

Ich versäume keine Erstkommunion-Vorbereitung. Fällt aus.
Ich versäume kein Schulfest. Fällt aus.
Ich versäume kein Kuchenbacken. Fällt aus.
Ich versäume keinen Elternsprechtag. Fällt aus.
Ich versäume kein Fußballspiel. Fällt aus.

Ich habe auch früher gewisse Dinge übersehen, vergessen, vernachlässigt, versäumt.
Auch früher hatten die Kinder öfter eine fehlerhafte Hausübung.
Auch früher trugen sie Socken mit Löchern.
Auch früher war bei Weitem nicht alles perfekt.
Ganz im Gegenteil.

Aber was jetzt hinzugekommen ist, ist dieser Schmerz, der mich bei jedem Übersehen, Vergessen, Vernachlässigen, Versäumen erfüllt.
Dieser Schmerz, nur unzureichend für die Kinder da sein zu können.
Dieser Schmerz, sie mit etwas allein gelassen zu haben.
Dieser Schmerz, dass sie mit mir oder wegen mir durch diese Dunkelheit müssen.

Licht und Stärke wünsch ich uns.
Glauben und Hoffnung auch.
Liebe hab ich.


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Kommentare: 2
  • #1

    Theresia Heuser (Mittwoch, 14 April 2021 19:48)

    Sehr schön geschrieben. Ansonsten fehlen mir die Worte.
    Ich hoffe für Dich, dass Du bald wieder so fit bist wie Du warst. Ich weiß nicht, was Dir passiert ist, aber ich wünsche Dir alles erdenklich Liebe und Gute, vor allem ganz viel Gesundheit.
    Liebe Grüße Theresia

  • #2

    Carmen (Mittwoch, 14 April 2021 20:36)

    Danke Theresia!
    Das wünsche ich mir auch.